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Untersuchung des motorischen Systems

 

 

Das Ziel einer motorischen Prüfung ist es, muskulären Dysbalancen, Lähmungen oder Lähmungserscheinungen der Muskulatur aufzudecken.

Es wird zwischen einer Parese (partielle Lähmung) und einer Plegie (komplette Lähmung) unterschieden.

Bei vorliegen von Lähmungserscheinungen muss differenziert werden ob es sich um eine zentrale Lähmung (Läsion des 1. motorischen Neurons, von der Hirnrinde zum Rückenmark) oder eine Lähmung des zweiten motorischen Neurons (motorische Vorderhornzelle im Rückenmark und peripher Nerv) handelt.

Bei peripheren Lähmungen wird weiter unterschieden ob die Störung in einer Läsion des peripheren Nervens oder seiner Äste (Plexi) bzw. der Nervenwurzel ihren Ursprung haben.

Manifeste Paresen
Insbesondere bei peripheren Paresen müssen die Funktionen aller Muskeln des betroffenen Nerven isoliert und alle Bewegungen aller dazugehörigen Gelenke orientierend geprüft werden.

Untersuchung von latenten Paresen

 

Armvorhalteversuch:

Pat. steht mit 90° nach vorne gehaltenen Armen, Handflächen nach oben, Augen geschlossen:

Absinken eines oder beider Arme?

Pronationsbewegungen eines oder beider Unterarme?

Beinvorhalteversuch:

Pat. liegt auf dem Rücken, Beine sind in Hüfte und Knien rechtwinklig gebeugt:

Absinktendenz eines oder beider Beine?

Schweregefühl eines oder beider Beine?

 

Hinweise auf eine psychogene Lähmung

  • Pat. macht gar keinen Versuch einer Bewegung
  • Gleichzeitige Innervation von Agonist und Antagonist oder anderen Muskelgruppen
  • Plötzliches Nachgeben bei der Prüfung
  • Artistische Bewegungen bei der Gangprüfung, um Paresen zu demonstrieren
  • Auffallende Diskrepanz zwischen Ausmaß der angeblichen Lähmung und fehlender Atrophie bzw. erhaltenen MER.

 

Daher Patienten bei der Untersuchung ablenken (z.B. gleichzeitig Rechenaufgabe), auf spontane Bewegungen achten.

Achtung:
Häufig liegt einer psychogen anmutenden Lähmung eine leichtere organische Störung zugrunde.

Inspektion
Bei der Inspektion wird auf folgende Punkte besonders geachtet:


Ist die Haltung oder Lage einer Extremität abnormal?


z.B. "ausgeflossen" wirkendes, außenrotiertes paretisches Bein


Gibt es physiologische Mitbewegungen des Körpers?


z. B. das gegensinnige Schwingen der Arme beim Gehen


Sind Bewegungsunruhen oder Hyperkinesen bemerkbar?


z.B. Tremor, Chorea, Athetose, Ballismus, Tics


Sind Atrophien der Muskulatur sichtbar?


z.B. M. trapezius (einseitig), kleine Handmuskeln, Glutealmuskulatur


Sind Faszikulationen sichtbar?


unregelmäßige Zuckungen wechselnder Muskelfasergruppen, evtl. durch Reflexhammerschlag auf den Muskelbauch provozierbar


Sind Myokymien vorhanden?


z.B. Muskelwogen, Kontraktionen wechselnder Muskelfasergruppen, länger anhaltend als Fascikulationen


Sind Fibrillationen sichtbar?


Sind Zuckungen von Einzelfasern, nur an der Zunge - mit bloßem Auge erkennbar


Wird eine Körperhälfte oder Extremität vernachlässigt oder minderbewegt?

 

Muskeltonus

Am besten wird der Muskeltonus am liegenden Patienten mit entspannter Körperhaltung durch lockere passive Bewegungen in allen Richtungen von allen Gelenken der Extremitäten festgestellt. Es wird auf eine eventuelle Veränderung der freien Beweglichkeit jedes einzelnen Gelenkes der Extremitäten geachtet. Hierbei bekommt man einen vorläufigen Eindruck auf das Vorhandensein von eventuellen Anomalien der Muskulatur (z.B. Spastiken, Rigor, schlaff, hypoton, hyperton, federnd) oder Gelenke (z.B. Kontrakturen).

 

Eine Hypotonie ist typisch für eine Erkrankung des 2. motorischen Neurons oder einer Erkrankung des Muskels selbst aber auch für eine Läsion des Kleinhirns oder einer frischen zerebralen Läsion.

 

Bei vorliegen eines Hypertonus sollte differenziert werden zwischen einem Rigor oder einer Spastik.

Eine Spastik deutet eher auf eine Schädigung des 1. motorischen Neurons hin, sie tritt allerdings mit einer gewissen Latenzzeit (innerhalb von Tagen oder Wochen) ein. Der Muskeltonus ist bei raschen Bewegungen größer als bei langsam ausgeführten mit Vorhandensein einer Spastik. Es kann das sog. Taschenmesserphänomen (plötzlich nachlassender Widerstand der Muskulatur) auftreten.

Der Rigor hingegen äußert sich über die gesamte Bewegung mit einem zähen Widerstand gegen passive Dehnung. Der bei Beugern und Streckern ähnlich ausgeprägt ist, er kommt häufig bei Stammganglienläsionen vor.

 

Muskelkraft

Die Prüfung der Muskelkraft gegen die Schwerkraft oder gegen Widerstand des Untersuchers, sollte nur bei freier Beweglichkeit der Gelenke und bestehender Schmerzfreiheit (schmerzbedingte Minderinnervation?) durchgeführt werden. Die Kraftentwicklung wird systematisch im Seitenvergleich durchgeführt. Die Dokumentation erfolgt nach der British Medical Association Einteilung siehe unten.

Wie schon beschrieben können leichtere Paresen durch den Armvorhalteversuch entlarvt werden. Das gleiche gilt auch für den Beinvorhalteversuch.

 

Wiederstandstests

Die Muskulatur wird in der Mittelstellung isometrisch angespannt, um unnötige Belastung auf nicht kontraktile Strukturen zu vermeiden. Wir beurteilen die Kraft und Schmerzangabe des Patienten. Um sich zu orientieren werden zuerst Muskelgruppen danach einzelne Muskeln getestet.

  • Eine starke Schmerzangabe verbunden mit einer starken Kontraktion, deutet auf eine Läsion innerhalb der kontraktilen Einheit hin.
  • Eine schwache Kontraktion mit einer leichten Schmerzangabe lässt folgende Vermutungen zu
    • Es gibt eine neurologische Störung
    • Völliger Muskelriss mit evtl. vorherigem Trauma
    • Nichtgebrauch des zu testenden Muskels
  • Eine schwache Kontraktion verbunden mit einer starken Schmerzangabe weist auf eine akute Entzündung, Verletzung oder Fraktur hin.

 

Dokumentation der Wiederstandstests ohne Schmerzangabe

Grad

Definition

0

Keine visuelle oder fühlbare Kontraktion

1

Leichte Kontraktion ohne Bewegung

2-

Bewegung über einen gewissen Testradius ohne Schwerkraft

2

Bewegung über den gesamten Testradius ohne Schwerkraft

2+

Bewegung über den gesamten Testradius ohne Schwerkraft und um die Hälfte mit Schwerkraft

3-

Bewegung über den gesamten Testradius ohne Schwerkraft und mehr als die Hälfte mit Schwerkraft

3

Bewegung über den gesamten Testradius mit Schwerkraft

3+

Bewegung über den gesamten Testradius mit Schwerkraft und Halten gegen ein wenig Wiederstand

4

Bewegung über den gesamten Testradius mit Schwerkraft und Halten gegen ein wenig mehr Wiederstand

5

Bewegung über den gesamten Testradius mit Schwerkraft und Halten gegen starken Wiederstand


Feinmotorik

Zur Kontrolle der Feinmotorik können rasch alternierende Bewegungen der Finger wie Imitation von Klavierspielen, Schriftprobe, Zeichnen von geraden Linien oder Spiralen, Knöpfe knöpfen oder bei der unteren Extremität mit raschem Pendeln der Beine herangezogen werden.

Auffälligkeiten wie Verlangsamung oder Ungeschicklichkeit weist auf leichte, oft zentrale Lähmung hin. Als Differenzialdiagnose kommen M. Parkinson oder Apraxie in Frage.

Es empfiehlt sich im Seitenvergleich zu testen, obwohl die dominierende Seite oftmals geschickter ist.

 

 
           

 

 

Praxis für Naturheilkunde Physio- und Osteopathie

Oliver Geck
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