Regelvorgänge des Nervensystems

 

 

Das Nervensystem von unserem Organismus ist an allen Steuerungs- und Regelvorgängen im Körper beteiligt, es muss somit in den Vordergrund unserer Analysen gerückt werden. Aber das Nervensystem steuert nicht ausschließlich die Regulationsvorgänge des inneren Milieus, sondern sorgt für eine stetige Anpassung des Organismus auf immer wechselnde Reizeinwirkung die zum Teil Signalbedeutungen haben. Diese Anpassung erfolgt zum größten Teil über Reflexgeschehnisse innerhalb des Nervensystems, um eine Homöostase zu gewährleisten. Möchten wir als Therapeuten auf diese Reflexgeschehnisse einwirken so gelingt uns das am besten, über den Zugang der Rezeptoren. Aber warum ist es sinnvoll soweit unten in der Hierarchie des Nervensystems anzusetzen? Wo doch die Hirnrinde die besten Voraussetzungen mit bringt um schwierige Aufgaben zu lösen oder zu bewältigen. Aber die Betonung liegt auf schwierig. Von diesem Standpunkt aus betrachtet erscheint es somit wieder absurd, dass sich die Hirnrinde mit banalen Afferenzen aus der Peripherie beschäftigen soll. Es ist anzunehmen, dass sich die Hirnrinde gerade deshalb so gut für schwierige Aufgaben eignet, da sie sich nicht der Flut von Afferenzen aus der Peripherie widmen muss. Daher muss nach Lewit 1977 die Reflextherapie oder Nervismus möglichst "fühlernahe" arbeiten, d. h. vom Rezeptor in der Peripherie aus, nach dem Grundsatz, dass die Afferenzen die Grundlage jeglicher Reflextätigkeit ist. Der Angriffspunkt liegt jeweils dort, wo die klinische Untersuchung die Störung der reflektorischen Vorgänge aufgedeckt hat. Die Reflextherapie ist an sich nicht neu, schon seit Urzeiten versuchen Menschen über diesen Weg Krankheitsverläufe positiv zu beeinflussen. Aber auch in der Neuzeit gibt es viele Nachahmer, um einige Namen zu nennen Kneipp, Kibler, Hunekes, Speranski oder Wischnewski. Speranski betonte in seinen Arbeiten immer wieder das der Körper, speziell das Nervensystem und der eigentliche Organismus, als ein Ganzes gesehen werden sollte. Weiter beschrieb er, dass der Krankheitsprozess unmittelbare Zusammenhänge mit dem Zustand des Nervensystems unterhält. Der Zustand des Nervensystems selbst ist abhängig von der Vorgeschichte des Patienten und muss somit anamnestisch abgeklärt werden. Die heutigen Prokainblockaden finden hier ihren Ursprung. Somit fand Speranski mit seinen Schülern heraus, dass durch Umspritzung eines Störungsfeldes (nach Kibler) mit dem Mittel Prokain, eine klinisch manifeste Störung innerhalb eines entfernten Organes oder Gelenkes beseitigt werden kann. Diese Tatsache sagt uns jedoch noch nicht warum die meisten Störfelder keine Veränderungen oder Dystrophien an der Haut, Gelenken oder anderen bindegewebigen Strukturen hervorrufen. Auch haben wir keinen Anhaltspunkt wann es nötig ist Störfelder wie z.B. Narben zu umspritzen um den gewünschten Erfolg zu erzielen. Ein Grund liegt sicherlich in der großen Strukturiertheit des Nervensystems. Zum einen laufen Reflexe immer in den vorgesehenen anatomischen Bahnen ab, nur unter bestimmten pathologischen Voraussetzungen kommt es zur Irradiation. Diese Irradiation kann nun dazu führen das sich ein so genanntes "dominantes Reflexgeschehen" nach Uchtomski entwickelt. Dieses ist jedoch nicht die Regel, sondern eher eine Rarität. An dieser Stelle soll das vegetative Nervensystem als mögliche Einflussquelle genannt werden. In der Neurologie werden Störungen genau Unterschieden, insbesondere wird zwischen zentralen und peripheren Symptomatiken eingeteilt. Auch hier ist die Reflextheorie kein unbeschriebenes Blatt, sie wird konsequent bei der Lokalisationsdiagnostik angewandt. Jedoch wird meines Erachtens unserem vegetativen Nervensystem zu wenig Beachtung geschenkt. Was für das animalische Nervensystem an Techniken als selbstverständlich angesehen wird, kommt bei dem vegetativen Nervensystem zu kurz.

Denn auch das vegetative Nervensystem hat eine segmentale Zugehörigkeit, was uns u.a. Kiritschinski, Hansen und Schliack zu verdeutlichen versuchen. Sehr deutlich wird die segmentale Zugehörigkeit bei chronischen und pathologischen Reizen, wie z. B. bei Schmerzreizen innerhalb eines Segmentes. Als Antwort dieses Schmerzgeschehens zeigen sich Veränderungen im Wesentlichen an inneren Organen, Muskulatur, Haut, Gelenke einschließlich Sehnen, Bändern und Periostpunkten sowie am eigentlichen Bewegungssegment der Wirbelsäule. Kommt es zu einer Störung mit schmerzhaften Reizen an oder innerhalb eines Bewegungssegmentes, so finden wir einen muskulären Hartspann (défense musculaire) mit typischen Druckpunkten. Diese werden als myofasziale Maximalpunkte (Travell u. Simons 1983), Triggerpunkte, Tendomyosen (Brügger 1962) oder Irritationszonen (Dvorák 1983; Bischoff 1988) benannt und geben evtl. Auskunft über Ort der Läsion und der segmentalen Reagibilität. Weiter finden wir evtl. eine Funktionsstörung an inneren Organen (z. B. Herzrhythmusstörungen Th1-Th2-Th3) und die typische hyperalgetische Zone.

Aber der Schmerzreiz kann auch von inneren Organen ausgehen. Hierbei kann sich ein muskulärer Hartspann, ein Maximalpunkt, eine Headsche hyperalgetische Hautzone sowie eine muskuläre Fixierung und später folgend evtl. auch eine Blockierung des Bewegungssegmentes manifestieren.

Um zum Reflexgeschehen und der Einwirkung über Rezeptoren zurückzukehren, schon jetzt kann man eventuelle Therapiestrategien erkennen. Eine Therapie könnte also an der Haut, am Muskel, am Nerv oder am Bewegungssegment gezielt ansetzten. Erfahrungsgemäß ist es sinnvoll die Therapie in dem Segment anzusetzen in der sich die hyperalgetische Zone befindet. In der Physiotherapie wird dies schon lange z. B. über die Haut durch Massage oder durch Kneipp Anwendungen praktiziert. Für die Muskulatur bieten sich unter anderem Anwendungen wie Friktionsmassage, Dehnungen aber auch Trainingstherapie zur Verbesserung von Kraft und Stoffwechseleigenschaften an. Für Nerven könnte sich die Prokainbehandlung bewähren oder nervale Mobilisationen, für Bewegungssegmente die manuelle Therapie.

Als vorrangiges Ziel sollte die Durchbrechung des Circulus vitiosus (Schmerzkreislauf) sein, welcher durch Schmerzreize aus den obengenannten Komponenten aufrechterhalten wird. Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine alleinige Spritzentherapie in den meisten Fällen nicht ausreicht und rezidive zu erwarten sind. Es gilt also das wichtigste Glied der pathologischen Kette zu erkennen und gezielt durch Maßnahmen zu behandeln, hier bewährte sich die Aktualitätsdiagnose nach Gutmann.

Was bedeutet das für die Praxis? Man muss sich also als erstes die Frage stellen wie man die Störung segmental am effizientesten behandelt, über das Bewegungssegment, über die Haut oder über den Muskel. Weiter stellt sich die Frage ob die Störung überhaupt über das Segment zu erreichen ist? Erst dann sollte man sich für eine Therapie entscheidend. Eine Blockierung im Bewegungssegment der Wirbelsäule kann sich z. B. spontan lösen, wenn der Muskelspasmus infolge von Wärme, Massage oder Prokaineinwirkung beseitigt worden ist. Mit Sicherheit kann sie im Rahmen der manuellen Therapie durch eine Manipulationsbehandlung behoben werden. Für die Behandlung einer hyperalgetischen Zone steht uns eine breite Anzahl von Methoden zur Verfügung, die alle auf die Rezeptoren der Haut einwirken. Doch niemals werden wir segmental über die Haut behandeln, wenn sich hier kein adäquater Befund, wie eine hyperalgetische Zone klinisch diagnostizieren lässt. Zentrale Fehlsteuerung in der Motorik können durch gezielte PNF-Diagonalen im Rahmen der Krankengymnastik behoben werden. Doch meisten Teils liegen am Patienten ein Komplex von bindegewebigen Veränderungen, Irritationspunkten usw. innerhalb desselben oder anderen Segmenten vor. In diesem Fall ist es von Bedeutung die Reaktivität des Nervensystems festzustellen. Somit können bei der Funktionsuntersuchung der Wirbelsäule die Auswirkungen einer hyperalgetischen Zone, Irritationspunkten oder Muskelhartspännen als sehr intensiv oder als weniger intensiv empfunden werden. Im zweiten Fall deutet das eher auf eine geringe nervöse Reaktivität innerhalb des Segmentes hin. Natürlich ist dabei noch die Größe der Läsion zu beachten, die Reaktionen sollen im Verhältnis zueinander stehen.

Man kann hierbei eine gewisse Hierarchie der reflektorischen Veränderungen erkennen. Wir  können sagen, dass eher vom Bewegungssegment und den inneren Organen Veränderungen ausgehen, als von der Haut oder den Muskeln. Somit ist es vielversprechend das Bewegungssegment selbst mit einer Manipulation zu behandeln, Irritationspunkten dagegen mittels Prokain, Friktionsmassage oder Akkupuntur. Besteht jedoch lediglich eine hyperalgetische Zone so wird diese Zone Zentrum der Behandlung sein.

Es scheint absurd eine vertebragene und vegetative Störung im Segment auf eine Stufe zu stellen. Doch das Verbindungsglied ist der primitive nozizeptive Schmerz, der so oft von seiner subjektiven Seite gesehen wird. Natürlich verursachen auch andere Reize wie Schall, Licht, Gerüche usw. vegetative Reaktionen, doch bei weitem nicht so intensiv wie ein Schmerzreiz und vor allem nicht in der Konstanz. Ein weiterer Grund ist sehr wahrscheinlich die Tatsache, dass der Schmerz eine akute Bedrohung für den Organismus darstellt und den Körper in eine Stressreaktion versetzt.

Es sind regelmäßig Veränderungen der Hauttemperatur und des elektrischen Hautwiderstandes (Elektrodermatogramm) nachzuweisen, bei übermäßigen Reizungen des vegetativen Nervensystems. Somit kann man das vegetative Nervensystem als einen Spiegel der nozizeptiven Reizeinwirkung ansehen.

Dabei ist festzustellen dass die häufigsten Schmerz verursachenden Veränderungen ihren Sitz im Bewegungssystem haben. Das Bewegungssystem unterliegt der willkürlichen Kontrolle und hat somit keine andere Ausweichmöglichkeit als Schmerzen zu verursachen um sich von den Belastungen zu befreien oder sich bemerkbar zu machen. Somit wird der Schmerz in der Krankheitsgeschichte eine zentrale Rolle spielen. Der Schmerz an sich ist nichts weiter als ein Reiz der wie viele andere Reize verarbeitet und gemeldet wird. Die Interpretation des Reizes zum Schmerz erfolgt erst im Kortex.

 

 
           

 

 

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